Glaube Liebe Hoffnung – Symbole

Kai Ehlers

Ein Lied vom Leben

Tod einer Hafenkneipe

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Eine nordfriesische Insel, eine verwaiste Hafenkneipe voller Geister und Geschichten, ein tragisches Ende im Meer und die Frage: Was bleibt?

Eine Seefahrerkneipe, die über Generationen Geschichten in sich aufgenommen hat und selbst Legende war. Hinter der Theke schlägt ihr Herz, das letzte bricht. Vor der Theke findet sich alles, was zwischen zwei Liedern oder zwanzig Bier verhandelt wird. Seemannsgarn, gestiftete Verbindungen, Inselklatsch, Abgründe aus der ganzen Welt. Und das, was auch nach dem x-ten Schnaps unausgesprochen bleibt.

Nach dem spurlosen Verschwinden des letzten Betreibers löst sich die Tradition für immer auf. Wie kalter Rauch, der noch in der Luft steht, hallen die Stimmen der Gäste in den verwaisten Räumen nach. Die Gegenstände, angesammelt über mehr als ein Jahrhundert, erstatten stumm Bericht. Die Geister übernehmen, und im Raum steht die Frage, was bleibt?

23.8.2023, Veröffentlichung

Textem-Verlag

Editor: Micha Bonk

Fotos: Kai Ehlers & Grischa Schmitz

Gestaltung: Franziska Nast

Druck: Roco-Druck

Gefördert vom Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technik Schleswig-Holstein, dem Bild-Kunst Kulturwerk, der Arthur-Boskamp-Stiftung, der Stiftung „Das Vermächtnis van Wouwer“ und der Stiftung Nordfriesland.

Leseprobe

Ein Lied vom Leben –
Tod einer Hafenkneipe

Was hat die Gewalt in der „großen“ weiten Welt mit unseren persönlichen Dramen zu tun?

Mit dem Freitod des letzten Betreibers, Claus Otto Menden, endete nach fünf Generationen der Betrieb der legendären Wyker Hafenkneipe „Glaube Liebe Hoffnung“ (1875–2010). Bevor er an Heiligabend ins Wasser ging, setzte er die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger als Alleinerbin ein. Die DGzRS hat das Inventar der Kneipe dem Friesenmuseum in Wyk auf Föhr vermacht. Mit wenigen Ausnahmen lagern die vom Stammpublikum „Tapete“ genannten Dinge seitdem in einem Container. Haus und Kneipe wurden verkauft.

Der Fotoroman und das Wandbild „Ein Lied vom Leben“ bilden mit der vorangegangenen Ausstellung „Bei Tante Herta – Wunderkammer“ im Museum Kunst der Westküste den zweiten Teil einer Trilogie zu Gewalt und Zeitgeschichte, an der Kai Ehlers zur Zeit arbeitet. Der erste Teil besteht aus dem Film „Freistaat Mittelpunkt“ und dem gleichnamigen Online-Archiv. Der dritte Teil wird sich mit Krieg, Beziehungen und der Utopie des Pazifismus auseinandersetzen.

Wandbild in der Vertretung des Landes Schleswig-Holstein beim Bund, Berlin
31.3.2024 – 15.1.2025
Eingeladen vom Kunstbeirat auf Vorschlag von Heike Muss
Künstlerische Mitarbeit: Micha Bonk
Soundcloud – Glaube Liebe Hoffnung

Bei Tante Herta –
Wunderkammer Hafenkneipe

In der legendären Hafenkneipe „Glaube – Liebe – Hoffnung“ (1875–2010) in Wyk auf Föhr, von Gästen liebevoll „Bei Tante Herta“ genannt, waren im Laufe ihres Bestehens fast 200 Seefahrersouvenirs aus aller Welt zusammengekommen. Dicht an dicht gehängt, wurden sie vom Stammpublikum als „Tapete“ wahrgenommen und machten das Lokal zu einer Art Wunderkammer.

Mit dem Freitod des letzten Betreibers Claus-Otto Menden (1953–2010), dem Sohn der namensgebenden Wirtin Herta Menden (1920–1998), endete die fünf Generationen dauernde Kneipentradition vorerst. Bevor er an Heiligabend ins Wasser ging, setzte er die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger als Alleinerbin ein. Das Inventar wurde aufgelöst und das Haus verkauft. Kurz zuvor hat der Berliner Filmemacher Kai Ehlers die Räume des Hauses und in Zusammenarbeit mit Grischa Schmitz alle Gegenstände fotografiert und führte anschließend Gespräche mit ehemaligen Besucher*innen.

Erst Jahre später wurde die Kneipe inklusive einiger Seefahrersouvenirs von einem neuen Betreiber übernommen.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem dokumentarischen Material ist in den drei Räumen der Ausstellung zu sehen und zu hören. Die Gegenstände treten – als Nachbilder – stärker hervor, als sie das als „Tapete“ in der Kneipe getan haben. Ein Abbild der bereits geschlossenen Kneipe und der geräumten Wohnung wird noch einmal belebt von Stimmen ehemaliger Gäste, die ihre Erinnerungen mit uns teilen. Am Ende steht die Frage nach unserem persönlichen Umgang mit Vergangenem und wie er sich auf unsere Zukunft auswirkt. Wie erinnern wir Orte, Menschen und Geschichten, die durch den Wandel der Zeit und der Technik sowie durch andere – auch gewaltsame – Umstände verschwinden oder sterben? Was wird uns mitgegeben, was nehmen wir mit, was bleibt?

Ausstellung im Museum Kunst der Westküste, Alkersum, Föhr
11.12.2022 bis 10.9.2023
auf Einladung von Prof. Dr. Ulrike Wolff-Thomsen
Fotos: Kai Ehlers & Grischa Schmitz
Künstlerische Mitarbeit: Micha Bonk
Fotodokumentation der Ausstellung: Grischa Schmitz

Gefördert vom Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technik Schleswig-Holstein, dem Bild-Kunst Kulturwerk, der Arthur-Boskamp-Stiftung, der Nord-Ostsee Sparkasse, der Wyker Dampfschiffs-Reederei
→ mkdw.de – Ausstellungsseite Soundcloud – Glaube Liebe Hoffnung

Presse- und andere Stimmen

Neues Deutschland

Anstatt uns einen weiteren norddeutschen Regionalkrimi zu bescheren, erzählt »Tod einer Hafenkneipe« von mehr als dem plötzlichen Tod eines Wirtes. Öfters muss man bei der Lektüre an W. G. Sebald und seine Idee einer »Naturgeschichte der Zerstörung« denken. Unser Blick wird auf die vergessenen Hinterlassenschaften einer zerstörerischen Geschichte gelenkt, die über das tragische Einzelschicksal hinausweist. Es ist gut, dass der Autor die Sammlung noch einmal abgelichtet und die Zeitgenossen dazu befragt hat – bevor alles entrümpelt, entsorgt und vergessen wird, als wäre es nur das Mobiliar aus der Wohnung eines Toten.

Lutz Klüppel, 4./5. Mai 2024  ·  Zum Artikel →

Jury

Die Tristesse der Fotoroman-Fotografien wird aufgefangen durch die invertierten geheimnisvoll aufleuchtenden Objektbilder.

Jury für die Shortlist der »Schönsten Bücher Deutschlands«, 2024

Inselbote

Eines steht fest. Es ist eine außergewöhnliche Lektüre in einer ebenso außergewöhnlichen Form.

Jörg Brökel, 7.9.2023

Inselbote

Was also bleibt — neben den vielen Erinnerungen, die jeder einzelne Besucher der Kneipe wohl haben wird – ist eine Ausstellung, die nicht nur Blicke fesselt, sondern auch ins Ohr und ein bisschen unter die Haut geht.

Anna Goldbach, 8.12.2022

NDR / DLF

Kai Ehlers erzählt die Geschichte durch die Bilder, ein frischer Blick auf die Vergangenheit, die nicht nur schön war, darauf kam es ihm an, sagt der Dokumentarfilmer, und meint das Ende der Kneipe, die zweimal gestorben ist.

Isabelle Breitbach, 18.12.2022

NDR SH Magazin

Was ist es wert, in Erinnerung zu bleiben? Die Antwort darauf könnte man im Museum Kunst der Westküste suchen.

Isabelle Breitbach, 17.12.2022

Leser

Beim Lesen habe ich wieder bei Claus-Otto am Tresen gestanden, den alten Geschichten gelauscht. Es war so wie früher. Und dann klappt man das Buch zu, aber diese wunderschönen Erinnerungen bleiben. Gottseidank habe ich jetzt dieses Buch und kann immer wieder in diese alte, wertvolle Welt abtauchen. DANKE

Peter Potthoff-Sewing

Leserin

Das Buch hinterlässt einen besonderen Eindruck. Man vermisst die Kneipe und weiß andererseits nicht, ob man sich hin trauen würde, wenn es sie noch gäbe.

Martina Strusny

Leser

Habe es verschiedenen Leuten vorgelesen. Hammer fesselnd – auch ideal, um meine paar Hobbynorddeutschen endgültiger hier zu vertauen. Die Entscheidung für die Buchform scheint genau richtig: Ich kann mir nicht vorstellen, diese durchaus gefühlsduselig aufgeladenen Erinnerungsfetzen in 4D zu ertragen. Aber bin von diesem Detektivspiel, mir selbst die, die da sprechen, auszumalen, begeistert. Und die teils abweichend abgewichsten Wertvorstellungen der Menschen im Buch sind nach dem heiligen Codex der Dokumentarfilmer liebevoll, neugierig so nebeneinander gestellt in das Buch hinein, dass es mir eine Freischaltung ist, dazwischen zu stöbern. Dazu die Negative mit Crime Scene Geruch, es hat nicht lange gedauert, sie richtig lieben zu lernen und wir alle profitieren von dieser ermöglichten neuen Betrachtung I guess. So an zweieinhalb Details des Buches können wir nach meiner zweieinhalbten Lektüre gern noch ne Doktorarbeit aufhängen, aber bin schonmal so angeregt, dass ich dir das teilen wollte. Mein Textem-Lieblingsbuch (nach dem Chinesischen Theater) bis jetzt.

Fabien Lübke

Das Buch erhalten

Titel
Ein Lied vom Leben – Tod einer Hafenkneipe


Verlag
Textem Verlag


ISBN
978-3-86485-298-5


Umfang
300 Seiten


Preis
16,90 €

Kai Ehlers

Kai Ehlers

Kai Ehlers arbeitet mit Bildern und Erzählungen an einem poetischen Zugang zu geteilter Wirklichkeit und ihrer Geschichte. Das hat ihn wiederholt zu Menschen und Orten nah an der „großen Geschichte“ geführt: Ladenbetreiber:innen im Schatten des World Trade Center kurz nach dem 11. September, ein Schlagerstar im Moment ihres Durchbruchs, ein vom NS-Regime zwangssterilisierter Einsiedler im Moor, das Ende einer traditionsreichen Hafenkneipe.

Am Ende steht meistens ein Film, zuletzt auch ein Onlinearchiv, eine Ausstellung und ein Fotoroman.

Autorenfoto: Grischa Schmitz

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